26.07.2010

Künstliche Ernährung durch die Bauchdecke: Der Patient entscheidet

PEG-Sonde: Segen oder Bürde?
Der Bundesgerichtshof hat am 25.06.2010 in einem vielbeachtetem Urteil festgestellt, dass bei todkranken Menschen die Beendigung der künstlichen Ernährung über die soge­nannte PEG-Sonde als passive Sterbehilfe nicht straf­bar ist, wenn das der Wille des Betroffenen ist.
Das St. Clemens Hospital in Oberhausen respektiert die Entscheidung des Bundesgerichtshofes zum Ernährungsabbruch. Das Krankenhaus sorgt aber dafür, dass bei seinen Patienten die Ernährungssonde durch die Bauchdecke nicht ver­früht, also nur bei strenger Indikation und bei umfassender Patien­tenaufklärung gelegt wird. Im St. Cle­mens Hospital werden die Patienten und ihre Angehörigen über das Für und Wider einer PEG-Sonde in einer 15-seitigen Broschüre und über ethische Be­sprechungen aufgeklärt.
Entscheidungssorgfalt vor dem Legen der PEG-Sonde
"Wir legen größten Wert darauf, unsere Patienten und ihre Angehöri­gen umfassend schlau zu machen, wann die PEG-Sonde der Lebens­qualität des Betroffenen dient und wann sie nicht angebracht ist", so Geschäftsführer Peter Tischmann.
Über das gesellschaftseigene Altenzentrum habe die Ge­schäftsführung einen guten Überblick, ob die im Krankenhaus angelegte PEG-Sonde dem Men­schen nutze, oder ob damit der Leidensweg verlängert und der Tod hinaus­gezögert werden. Und gerade diese übergreifenden Er­kenntnisse aus dem Krankenhaus und dem Altenzentrum St. Clemens seien in die 15-seitige Broschüre eingeflos­sen.
Ethische Fallbesprechung als Entscheidungs­hilfe für die Angehörigen
"Wir lassen Sie mit Ihren Überlegungen und Entscheidungen nicht allein", verspricht die Broschüre den Angehörigen und den Patienten. Die Patienten und die Angehörigen werden animiert, sich mit ihren Fragen und Sorgen den mit Foto vorgestellten Ansprechpartnerinnen anzuvertrauen. Die An­sprechpartnerinnen organisieren dann eine ethi­sche Fallbesprechung mit den beteiligten Ärzten, mit den Pflegenden und mit den Patienten und ihren An­gehörigen. Da das Thema "PEG-Sonde" in allen drei Betriebsteilen der St. Clemens Hospitale eine Rolle spielt, gibt es für die ethische Fallbe­sprechung aus den drei Betriebsteilen je eine Ansprechpartnerin: Für das Krankenhaus ist es Angelika Koopmann, Krankenhaus-Seel­sor­ge­rin. Für das Altenzentrum St. Clemens ist Pflegedienstleiterin Annegret Verhey Ansprechpartnerin. Für die ambulante Pflege der Sozialstation steht Christiane Mitzko, stellvertretende Leiterin der Sozialstation, bereit. Die drei Ansprechpartnerinnen sorgen dafür, dass den Patienten und ihren Angehörigen eine ethische Fallbesprechung binnen 24 Stunden angeboten wird.
Das Ziel der ethischen Fallbesprechung ist es, im Respekt vor der Au­tono­mie und der Würde des Menschen sorgfältig die vielen Aspekte des Für und des Wider einer PEG abzuwägen. Wenn dann die Patien­ten bzw. ihre Ange­hörigen entschei­dungs­sicher sind, dass sie sich selbstüberzeugend für oder gegen eine PEG-Sonde entschie­den haben, beugt das Selbstvorwürfen und einem schlechten Gewissen vor.
Arbeitskreis als Initiator
Die 15-seitige Broschüre mit der Überschrift "Künstliche Ernährung durch die PEG-Sonde" ist entstanden im Arbeitskreis Ethik, zu dem seit vie­len Jahren monatlich einmal die Krankenhausseelsorgerin Angelika Koopmann als "christliche Vordenkerin" einlädt. Zu den 12 Mitwirkenden in dem Arbeitskreis gehören u. a. Gesundheits- und KrankenpflegerInnen, AltenpflegerInnen, Chefärzte, Oberärzte, Grüne Da­men und die Geschäfts­führung.
Peter Tischmann: "Die ethische Fallbesprechung und andere ethische Bera­tungen sind Ausdruck unseres christlichen Selbstverständnisses des Respekts vor der Würde des Menschen als Bild Gottes." Der Ge­schäftsfüh­rer glaubt, dass das ethische Engagement des St. Clemens Hospitals für die Menschen in der deutschen Krankenhaus­land­schaft kaum seinesgleichen finde.
Nur wenige PEG-Sonden im Altenzentrum
Annegret Verhey, Pflegedienstleiterin im Altenzentrum St. Clemens: "Von unseren 142 Bewohnerinnen und Bewohnern werden nur 6 aus­schließlich über die PEG-Sonde ernährt. Das ist eine niedrige Zahl, auf die wir stolz sind. Weitere 15 Bewoh­ner mit einer PEG-Sonde ernähren wir zusätzlich oral, weil es unseren Al­tenpflegerInnen gelun­gen ist, die Schluckfähig­keit zu fördern, ja bei einigen Be­wohnerInnen sogar ganz wiederherzustellen".
Für sie und ihre Mitar­beiterinnen sei es ein besonderes Erfolgserlebnis ge­wesen, im letzten Jahr zwei Bewohner so weit zu rehabilitieren, dass die PEG-Sonde wieder entfernt werden konnte.